Department of Foreign Languages College of Liberal Arts & Social Sciences [CLASS] Georgia Southern University Statesboro, GA, USA Gegenwartsliteratur aus Südtirol – Trends und Entwicklungen (1990-2005)
University of Northern Iowa Cedar Falls, IA, USA
Abstract
This article is a comprehensive analysis of representative contemporary literature (1990-2005) published by German-speaking minority writers from the northern Italian province of South Tyrol / Alto Adige. It is argued that although the selected works reflect many differing literary genres, themes, and styles, some of the texts converge on one major element: the artistic reaction to the region’s multilingual and multiethnic environment.
Fällt der Name Südtirol, denkt so mancher in erster Linie an die bezaubernde Berglandschaft dieser norditalienischen Provinz mit der offiziellen Bezeichnung Autonome Provinz Bozen-Südtirol / Provincia Autonoma di Bolzano-Alto Adige, die durch ihren idyllischen Charakter sommers wie winters zum erholsamen Urlaub in ländlicher Atmosphäre lockt. Ausgeprägtes Traditionsbewusstsein und Brauchtumspflege der mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung fördern das Image einer Gesellschaft, die jahrzehntelang mit einer Politik des Wertekonservatismus auf soziopolitische Stabilität, kulturelle Eindeutigkeiten und Wohlstandsdenken setzte. Diese hauptsächlich von der Südtiroler Volkspartei (SVP) forcierte Politik, gekoppelt mit der wirtschaftlichen Förderung von Landwirtschaft und Tourismusindustrie sowie anderen Faktoren, ließ die Region zu einer der wohlhabendsten Italiens aufsteigen.
Auf politischer Ebene wird Südtirol gern als erfolgreiches Modell diplomatischer Bemühungen gesehen (siehe Alcock, Feiler, Olt). Als vorbildlich, wenn auch langwierig, gelten jene internationalen Diplomatieverhandlungen, die zum Autonomiestatus der Provinz Südtirol und zu einer Reihe von Minderheitenrechten der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung seitens der italienischen Regierung führten. Ebenso weitgehend positiv eingestuft wird die Einführung eines ethnischen Proporzsystems als soziopolitische Grundlage für ein friedliches Zusammen- oder zumindest Nebeneinanderleben der italienisch-, deutsch, und ladinischsprachigen Volksgruppen in Südtirol.[1] Bei der letzten Sprachgruppenzugehörigkeitserhebung, die im Rahmen der Volkszählung im Jahre 2001 durchgeführt wurde, erklärten sich von rund 428.691 Bürgern 69,15% der deutschen Sprachgruppe zugehörig; 26,47% fühlten sich der italienischen Gruppe verbunden; 4,37% zählten sich zu den Ladinern[2] (ASTAT Info 4). Diese drei Sprachgruppen blicken auf eine beinah 100jährige gemeinsame Geschichte zurück, die von Spannungen, Repressionen, Gewalt, aber auch von politischen Stabilisierungsmaßnahmen und Vermittlungsgesten zwischen den Ethnien gezeichnet ist.[3]
Die literarische Landschaft Südtirols spiegelt erwartungsgemäß die multiethnische Bevölkerung wider und setzt sich aus italienisch-, ladinisch-, und größtenteils deutschsprachigen Texten zusammen. Worüber schreiben die Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus dieser Region? Lassen sich bei den literarischen Veröffentlichungen irgendwelche Entwicklungen und Trends erkennen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der folgende Beitrag, wobei sich die Beobachtungen ausschließlich auf die deutschsprachigen Buchveröffentlichungen von 1990 bis 2005 konzentrieren.[4]
Forscht man nach Informationen über den Stand der deutschsprachigen Literatur von Südtiroler Gegenwartsautoren, findet sich in einschlägiger Fachliteratur rare Einmütigkeit unter den Literaturkritikern. Seit den späten sechziger Jahren sei es in Südtirol zu einer "kräftigen Neubelebung des Literaturbetriebs," zu einer "Ausweitung" und einer "radikale[n] Umorientierung der Literaturszene" (Holzner 1993, 253) gekommen. Eine "Öffnung," ein "neues Selbstbewußtsein" (Grüning 77), eine "vielgestaltige" und "vielseitige" Literaturlandschaft (Matt 49) lasse sich beobachten. Einige Kritiker räumen der Südtiroler Literatur eine Art "Sonderstellung"(Grüning 20) innerhalb der Regionalliteraturen ein, andere stellen fest, dass Südtirol heutzutage "eine eigene und starke Stimme" habe, die "im Rahmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur Akzente [setze]" (Matt 49).
Was hat es auf sich mit der deutschsprachigen Literatur aus Südtirol? Die Neubelebung, Umorientierung, Ausweitungs- und Öffnungstendenzen der Literaturszene lassen sich rasch erklären. Diese Aussagen beziehen sich wohl auf jene Autoren, die in den späten sechziger Jahren der Monopolstellung der traditionellen, ideologisch gefärbten Heimatdichtung den Kampf ansagte. Der damals 22jährige Schriftsteller Norbert C. Kaser (1947-1978) hielt am 27. August 1969 auf der 13. Studientagung der Südtiroler Hochschülerschaft in der Brixner Cusanus-Akademie seine provokante "Brixner Rede" und gilt auch heute noch als einer der bekanntesten Renegaten dieser Zeit.[5] Er und andere Zeitgenossen brachen mit den damaligen, im öffentlichen Diskurs Südtirols tabuisierten Themen wie Faschismus, Nationalsozialismus, "Option"[6] sowie Monopolstrukturen von Medien und Katholizismus (Holzner 1993, 245), und knüpften formal an die literarische Moderne an.[7]
Schwieriger wird es, die Frage zu beantworten, ob die Südtiroler Literatur tatsächlich eine "eigene" Stimme hat oder gar eine "Sonderstellung" innerhalb der deutschsprachigen Regionalliteraturen einnimmt. Diese Etikettierungen implizieren, dass die literarischen Produktionen eine Art homogenen Kanon bilden oder zumindest eine Reihe von Gemeinsamkeiten erkennen lassen, die sie als Südtiroler Literatur charakterisieren. Dieser Schlussfolgerung lässt sich nur bedingt zustimmen, denn es handelt sich bei denjenigen Texten, die Gemeinsamkeiten aufweisen, lediglich um einen kleineren Teilbereich der gesamten deutschsprachigen Literatur aus dieser Region. Eigentlich muss man hier sagen, der gesamten Literatur über diese Region, denn Gemeinsamkeiten in den Werken lassen sich am prägnantesten dort feststellen, wo die Autoren direkten oder indirekten Bezug auf Südtirol nehmen, sei es geographisch, sprachlich, soziokulturell, historisch oder politisch.
Auffallend stark reflektieren diese Texte auf ihrer soziokulturellen Ebene die multiethnische und multilinguale Lebenswirklichkeit in Südtirol. Das geschieht auf sehr unterschiedliche Weise. So veröffentlichen einige Autoren ihre Werke in zweisprachigen Editionen. Zum Beispiel stellt der Lyriker Gerhard Kofler (1949- 2005) in seinen Gedichtbänden wie Poesie di mare, terra e cielo / Poesie, Meer, Erde und Himmel (2003) oder Soliloquio d' autunno / Selbstgespräch im Herbst (2005) seine Zweisprachigkeit unter Beweis. Seine Gedichte zeugen allerdings nicht nur von der hohen Sprachfertigkeit des Autors im Deutschen sowie im Italienischen, sondern kulturell sensibilisiert thematisiert er auch Übersetzungs- bzw. Übertragungsprobleme von einer Sprache in die andere. Gerhard Kofler schöpft dabei sprachliche Kreativität aus seinem unmittelbaren Lebensumfeld: "Mein Gebiet ist die Sprache. Ich habe verschiedene Sprachsysteme erlebt, und für mich war es immer interessant, diese unterschiedlichen Strukturen nebeneinander zu betrachten. Und das ist sicher eine Möglichkeit, die aus der Südtiroler Realität entstanden ist" (Kofler, Interview). Andere Autoren, wie Helene Flöss in ihrem Roman Schnittbögen (2000), bauen hingegen italienische und/oder ladinische Versatzstücke in ihre Romane ein, um ihren Lesern ein möglichst authentisches Bild von einer Region zu bieten, die von drei über die Sprache definierten, ethnischen Bevölkerungsgruppen geprägt ist.
Eine weitere Art des Umgangs mit der Mehrsprachigkeit findet in Anthologieprojekten ihren Niederschlag. 1999 erschien die dreisprachige Anthologie Leteratura Literatur Letteratur. Texte aus Südtirol mit deutschsprachigen, ladinischen und italienischen Beiträgen. Etwa zur selben Zeit wurde die Literaturanthologie mit dem Titel Zeitenwende von Autoren aller drei Sprachgruppen im Eigenverlag veröffentlicht. Ein anderes Beispiel für die multiethnische literarische Kollaboration ist auch der Lyrikband Di(e)verse, der im Jahre 2000 herausgegeben wurde. An dieser Stelle erscheint es auch angebracht, die 2001 gegründete Zeitschrift filadrëssa. Kontexte der Südtiroler Literatur zu erwähnen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, zwischen den drei ethnischen Gruppen zu vermitteln, indem sie Berührungspunkte herstellt und aufzeigt. Doch nicht nur ethnische Grenzen innerhalb Südtirols werden literarisch überschritten, sondern auch geopolitische Grenzen, wie etwa diejenige zu Österreich, insbesondere zu Nord- und Osttirol. Zum Beispiel versammeln die Anthologie stadtstiche – dorfskizzen (2005) und die Erzählsammlung Kopf oder Adler. Andere Erzählungen aus Tirol (1991) Texte aus dem gesamten Tiroler Kulturraum, also von Nord-, Süd-, und Osttiroler Autoren. Diese Tendenz zu sprachlichen, ethnischen und kulturellen Grenzüberschreitungen verweist auf eine in der Südtiroler Literatur bislang in dieser Art nie dagewesene, soziokulturelle Vermittlungsfunktion der Literatur zwischen den deutsch, --italienisch,-- und ladinischsprachigen Bevölkerungsgruppen.[8]
Befruchtend für ihre Arbeit finden einige Autoren auch den Zugriff auf den südtirolerischen Dialekt, der zu innovativen Sprach- und Lautexperimenten anregt, wie Josef Oberhollenzers literarische Sammlung in der tasse gegenüber. gedichte & geschichten (1994) zeigt. In zahlreichen seiner Gedichte werden beispielsweise jegliche normativen Sprachregelungen aufgehoben. Es gibt keine erkennbaren Wörter, Satzstrukturen oder Satzzeichen. Trotz der bis zum Äußersten getriebenen Destruktion semantischer Einheiten vermitteln die Gedichte als Klangerlebnisse eine Reihe von Assoziationen.[9] Diese lyrischen Klang- und Dialektexperimente, die zum Teil an Texte Konkreter Poesie von Gerhard Rühm und Ernst Jandl erinnern, sind jedoch mehr als Spielereien mit Lauten und Worten. Sie sind gleichzeitig eine klare Absage der Autoren an die Dialektliteratur der konventionellen Heimatkunst bzw. Heimatliteratur der Region, die das Leben in der Südtiroler Berg- und Dorfwelt epigonenhaft, unkritisch und verklärend, kitschig und klischeehaft, in pathetischen und patriotischen Tönen darstellte.
Das Sujet "Provinz" findet sich noch ab und zu in der Südtiroler Gegenwartsliteratur, allerdings auch hier in scharfer Abgrenzung zu konventioneller Heimatdichtung und ihrem negativen Beigeschmack von Provinzialität. Die Handlungsorte werden zwar in den zeitgenössischen Texten im bäuerlichen oder dörflichen Milieu angesiedelt, aber die Auseinandersetzung mit dieser Lebenswirklichkeit verläuft unsentimental und unideologisch, ohne Pathos und ohne Beschönigungen. Toni Bernharts zeitgenössisches Dialektstück "Langes afn Zirblhouf" (Uraufführung 2002, veröffentlicht in Lasamarmo und andere Stücke) erzählt zum Beispiel lakonisch von einer Kette von Zufällen und Verstrickungen, die von Vergewaltigung, Inzest, Wildern und letztendlich einer Kette von Affektmorden gekennzeichnet, zur (Selbst-)Zerstörung einer Bauernfamilie führen. Trotz des brutalen Ausmaßes der Geschehnisse, wird die "Ordnung" auf dem Bauernhof und im Dorf nur kurzfristig aus dem Lot gebracht. Ein anderes Werk, das die Thematik Provinz aufgreift, ist der 2004 erschienene, aus feministischer Perspektive erzählte Roman Berge, Meere, Menschen von Maria Elisabeth Brunner. Die Autorin schildert die Welt eines Findelkindes, das von Bergbauern aufgenommen und als Arbeitskraft ausgebeutet wird. Gefühls- und Kommunikationsarmut, Einsamkeit, Grobheiten, Provinzialität und Engstirnigkeit prägen das Lebensumfeld der Protagonistin. Vergeblich versucht sie, vor dem Ort ihrer Kindheit und den Menschen physisch und psychisch zu flüchten.[10]
Auch Joseph Zoderer wählt für seinen Roman Der Schmerz der Gewöhnung (2002) neben der sizilianischen Stadt Agrigento Südtirol als narrativen Ort für seine literarischen Auseinandersetzungen mit Identitäts- und Zugehörigkeitsproblemen eines Individuums in einem multiethnischen Umfeld. Der Journalist Jul erzählt aus rückblickender Perspektive die Geschichte seiner gescheiterten Beziehung mit Mara. Beide kommen mit ihren persönlichen Konflikten und mit der Ambivalenz des Lebens mit bzw. zwischen zwei Kulturen nicht zurande. Jul, der im deutschsprachigen Kulturraum Südtirols aufgewachsen ist, verweigert die Vereinnahmung durch die normative Ideologie der eigenen ethnischen Sprachgruppe und versucht, sich von ihr abzunabeln. Aber auch in Maras Welt, in der italienischen Volksgruppe, findet er nicht die Zugehörigkeit und Geborgenheit, die er sucht. Er bleibt der "Fremde" bzw. der "einheimische Fremde," wie es im Roman heißt. Jul fühlt sich gezwungen, im interethnischen Raum eine neue, subjektive Identität zu konstruieren, die ihm erlaubt, an beiden ethnischen Kulturbereichen teilzuhaben. Das Unternehmen scheitert. Jul stirbt sowohl an einem Gehirntumor als auch an seiner inneren Zerrissenheit und Unfähigkeit, die ethnischen Spannungsfelder zu überbrücken.[11] Gerade weil sich dieser Roman einfachen Lösungen und kulturellen Eindeutigkeiten entzieht, kann er als Anstoß für einen Dialog über ethnische Selbst- und Fremdwahrnehmung gesehen werden, der den Blick für (inter)ethnische Identitätsprobleme schärft.
Eng in Verbindung mit kollektiven und individuellen Identitätskonstruktionen steht die Beschäftigung mit historischer Vergangenheit im fiktionalen Raum. Meinhard Mair, zum Beispiel, rechnet mit den Verantwortlichen für die ideologisch motivierten Geschehnisse in Südtirol während der beiden Weltkriege in seinem Debütroman und ersten Teil seiner geplanten Südtirol-Trilogie Der Fluch der Generationen (2004) kompromisslos ab. Durch eine kritische Reflexion kollektiver Werte und ethnischer Selbstbilder können solche literarischen Texte zu einer gemeinsamen (deutsch-italienisch-ladinischen) Erinnerungskultur beitragen.
Historische Rückblicke werden aber auch, wie Helene Flöss mit ihren Romanen Schnittbögen (2000) und Löwen im Holz (2003) zeigt, als individuelle Gedächtnisleistungen narrativ konstruiert. In leisen Tönen, in Form von Erinnerungen und Reflexionen, schildert die Autorin hauptsächlich die Zeit der dreißiger und vierziger Jahre im Südtiroler Dorf- bzw. Kleinstadtmilieu. Der Blick ist fokussiert auf die "kleinen Leute," die in den Sog der Politik des italienischen und deutschen Faschismus geraten, und individuell darauf reagieren: auf die Repressionen und Italianisierungsmaßnahmen unter Mussolini, auf die Herrschaft der Nationalsozialisten in Südtirol zwischen 1943 und 1945 sowie auf die Konflikte zwischen "Optanten" und "Dableibern." Optanten, das waren diejenigen Südtiroler, die 1939 für Hitlerdeutschland und eine Umsiedelung in das Deutsche Reich optierten.[12] Joseph Zoderer berichtet in seiner autobiografisch gefärbten, zweisprachigen Erzählung Wir gingen / Ce n'andammo (2004) ebenso von der Zeit des Nationalsozialismus in Südtirol und dem Schicksal einer Optantenfamilie.
Unter den literarischen Werken, die Spuren und Leerstellen der kollektiven Gedächtnisse der ethnischen Gruppen in Südtirol ergründen, befassen sich die meisten mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Autor Sepp Mall hingegen greift in seinem Roman Wundränder (2004) die Zeit des Bombenterrors der sechziger Jahre auf. Er beschreibt das Leben eines naiven jungen Mannes, der von Aktivisten in den gewaltsamen Kampf um Südtirols Autonomie hineingezogen und aus falsch verstandenem Patriotismus zu deren Handlanger wird. Während er versucht, ein italienisches Soldatendenkmal in die Luft zu sprengen, kommt er ums Leben.
Angesichts der hier angeführten, repräsentativen literarischen Beispiele, kann man zu den Ausgangsfragen zurückkehren: Gibt es Entwicklungen und Trends in der deutschsprachigen Südtiroler Literatur? Hat sie ihre "eigene" Stimme oder gar eine "Sonderstellung" innerhalb der deutschsprachigen Regionalliteraturen? Im Allgemeinen unterscheidet sich die Südtiroler Gegenwartsliteratur wohl nicht von der deutschsprachigen Literatur der Nachbarländer. Das heißt, die Themen und Formen sind hier wie dort breit gefächert und entziehen sich jeglicher Etikettierung, Normierung und Kanonisierung. Wo jedoch die deutschsprachigen Südtiroler Autoren auf ihr multiethnisches und multilinguales Lebensumfeld Bezug nehmen, also dort, wo regionale Besonderheiten in ihre Texte mit einfließen, lassen sich ein paar literarische Gemeinsamkeiten, Entwicklungen und Trends beobachten.
Die Autoren und Autorinnen überschreiten in oder mit ihren Werken sprachliche und kulturelle Grenzen: durch die Veröffentlichungen in zwei oder mehreren Sprachen, durch die Montage von italienischen und ladinischen Textpassagen, durch die experimentelle Verwendung des Südtiroler Dialekts, durch literarische Anthologien mit Beiträgen von Schriftstellern aller drei Ethnien oder von Süd-, Ost-, und Nordtiroler Autoren. Jener bewusste Einsatz von Mehrsprachigkeit und Multiethnizität zeugt davon, dass diese zeitgenössische Literatur die Aufgabe übernommen hat, eine Vermittlungsfunktion zwischen den drei Südtiroler Sprachgruppen auszuüben. Eine weitere Entwicklung, die bereits in den späten 60er Jahren einsetzte und scheinbar heute für einige Gegenwartsautoren, wenn auch in veränderter Weise, immer noch zutrifft,[13] ist die betonte Abkehr von traditioneller "Heimatliteratur."
Zu beobachten ist ebenso eine verstärkte Beschäftigung von Autoren mit der gemeinsamen Geschichte der drei Sprachgruppen in Südtirol, wobei Tabuthemen gebrochen und verschiedene ethnische Perspektiven berücksichtigt werden. Einige Gegenwartsautoren setzen sich unter anderem mit dem Problem der multiethnischen Identitätskonstruktion auseinander, insbesondere mit der Frage: Was bedeutet es heutzutage, "Südtiroler" zu sein? Mit der Identitätsfrage eng im Zusammenhang stehend ist die häufige Verwendung von Motiven wie das Leben an der Grenze und mit Grenzen, Sprachverlust, Heimatverlust, Identitätsverlust, Tod, Fremdsein und Entfremdung, Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Auswanderung und Flucht, Rückkehr und Heimkehr.[14]
Wenn man auch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aus Südtirol ein paar Entwicklungen und Trends zugesteht, bleibt trotzdem noch die Frage offen, ob sie ihre "eigene" Stimme oder gar eine "Sonderstellung" innerhalb der deutschsprachigen Regionalliteraturen hat, wie einige Kritiker behaupten. Diese wohl vorschnellen Äußerungen sind zu bezweifeln, denn die erkennbaren Gemeinsamkeiten betreffen erstens nur einen Teil der gesamten literarischen Produktionen aus dieser Region, und zweitens sind sie nicht ungewöhnlich für Literaturen von Minderheiten oder Gruppen, die an der Peripherie oder in einem multiethnischen und/oder multilingualen Spannungsfeld leben. Die literarischen Werke mit Südtiroler Spezifiken sind daher keine "Exoten," wohl aber eine Literatur, die —wie andere Regionalliteraturen— auf ihr soziokulturelles Umfeld eingeht und darauf reagiert. Drittens gilt es festzustellen, dass diese Literatur nicht das "Besondere" zum Eigenen erklärt, sondern damit für Grenzüberschreitung, Offenheit und Toleranz wirbt. Die künstlerische Inspiration dafür schöpfen einige Autoren und Autorinnen, die in Südtirol leben und schreiben, ebenfalls aus ihrer unmittelbaren soziokulturellen Lebensrealität, wie Joseph Zoderer erklärt:[15]
Anmerkungen
[1] In anderen Studien wird das System des ethnischen Proporzes als Bestandteil des Südtiroler Konkordanzmodells allerdings eher kritisch betrachtet und als reformbedürftig gewertet. Günther Pallaver argumentiert zum Beispiel in seinem Artikel, dass dieses Modell, das auf einer "Festschreibung des Status quo" und auf der "Machtteilung in einer ethnisch fragmentierten Gesellschaft" basiere, heutzutage Brüche aufweise, die erneut zu ethnischen Spannungen führen könnten (Pallaver 202).
[2] Mit "Ladiner" wird eine rätoromanische Volksgruppe in den Dolomiten Italiens bezeichnet. Die Mundart "Ladinisch" umfasst fünf offizielle Idiome und wird vor allem in den Tälern um das Sella-Massiv gesprochen: im Gardertal (lad. Alta Badia), in Gröden (lad. Gherdëina), Fassa (lad. Fascia), Buchenstein (lad. Fodom), und im Ampezzo (lad. Anpezo).
[3] Südtirol wurde 1919 als Resultat des Ersten Weltkrieges im Friedensvertrag von St. Germain vom österreichischen Bundesland Tirol abgetrennt und Italien zugesprochen (Steininger 36)
[4] Eine umfangreiche Bibliografie deutschsprachiger Buchveröffentlichungen von Südtiroler Autoren von 1990 bis 2005 befindet sich im Anhang der zweisprachigen Anthologie (W)orte. Zeitgenössische Literatur aus und über Südtirol / Words in Place. Contemporary Literature by German-Speaking Minority Writers from South Tyrol (Italy).
[5] Kasers "Brixner Rede" trägt den offiziellen Titel "Südtirols Literatur der Zukunft und der letzten zwanzig Jahre" und kann in Norbert C. Kaser. Gesammelte Werke (S. 111-118) nachgelesen werden.
[6] Siehe Anmerkung 12 dieser Arbeit.
[7] Siehe Gerhard Riedmanns Ausführungen zu den Entwicklungen der Südtiroler Literatur von 1918 bis 1983 in seiner Studie "Literatur eines Grenzlandes im Übergang. Überlegungen zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur in Südtirol."
[8] Norbert Mecklenburg beobachtet dieses Potenzial einer soziokulturellen Vermittlungsrolle der Literatur auch in anderen deutschsprachigen Regionen: "Eine wichtige Besonderheit einiger ‘auslandsdeutscher’ Literaturregionen liegt nun gerade nicht in ihrer kulturellen Absonderung, vielmehr umgekehrt in ihrer Befähigung zu kulturellem, ‘interethnischen’ Austausch, zu Vermittlung also" (Mecklenburg 1986, 288).
[9] Dialekt wird aber auch dann als Textmontage eingesetzt, wenn Südtiroler Lokalkolorit zum Ausdruck kommen soll. Margit von Elzenbaum vermischt zum Beispiel in ihrem Buch Dorf mit Bühnen. Experimentelle Texte (2004) deutsche Hochsprache, Südtiroler Dialekt, Jugendsprache, italienisch und ladinisch.
[10] In Hinblick auf diese und ähnliche Werke, die dem literarischen Regionalismus zugeordnet werden können, müsste noch untersucht werden, inwieweit sie überregionale oder sogar weltanschauliche Geltung haben. Ein regionaler Roman zum Beispiel sollte nach Norbert Mecklenburg dem folgenden "kritischen Postulat" standhalten: "Ein regionaler Roman hat in dem Maße Anspruch auf allgemeine Geltung, wie er drei Momente vereinigt, Mimesis ans Besondere, Verfremdung zur ästhetischen Form und Offenheit für die Welt außerhalb der Provinz" (Mecklenburg 1982, 44).
[11] Für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Thema Identitätsproblematik in Joseph Zoderers Werken, siehe Siegrun Wildner "Ethnizität und Identität in deutschsprachiger Literatur aus und über Südtirol."
[12] Nach einer Vereinbarung zwischen Hitler und Mussolini sollte das "Südtirolproblem" durch eine Umsiedlung der Südtiroler ins Deutsche Reich (genauer gesagt in noch zu erobernde Ostgebiete) erfolgen. 1939 standen die Südtiroler vor der "Option," sich entweder für die deutsche oder für die italienische Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Die Südtiroler spalteten sich in die "Dableiber," also jene die im italienischen Südtirol bleiben wollten, und in "Optanten" oder "Geher," diejenigen, die für Hitlerdeutschland und Aussiedelung optierten. Als wahrscheinliche, aber nicht verlässliche Zahl der Optanten wird vielfach 86 % angegeben. Die "Dableiber" wurden von den Optanten als "Walsche" und "Verräter" beschimpft und oft schikaniert. Durch die Kriegswirren kam es für viele Optanten nicht zur Umsiedlung (Steininger 158-171). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Optanten von der italienischen Regierung als Ausländer angesehen. Die Verhandlungen zwischen Italien, Österreich und Südtirol resultierten 1948 im so genannten "Optantendekret," das den Optanten die Möglichkeit bot, sich innerhalb einiger Monate um die italienische Staatsbürgerschaft zu bewerben. Den Rückkehrern trat man vielfach mit Aversion und Abneigung gegenüber (Steininger 451-468).
[13] Eine Auswahl von Texten, die eine südtirolbezogene Dimension aufweisen, befindet sich in Siegrun Wildners Anthologie. Sepp Mall hat seinerseits eine Anthologie zusammengestellt, mit der er zeigen will, dass die narrativen Beiträge der dort vertretenen Autoren nichts mit "Heimatliteratur" zu tun haben. In seinem Vorwort zu der Anthologie Aus der Neuen Welt (2003) betont er ausdrücklich: "Und so verschieden sich die Themen, literarischen Verfahren und Erzählstile der einzelnen Beiträge auch darstellen, verbindet sie doch eines: es ist keine Heimatliteratur. Weder im traditionellen noch im modernen Sinn."
[14] Vgl. Gerhard Kofler. "Südtiroler Literatur – Möglichkeiten und Probleme," 96. Siehe auch Johann Holzner, "Auf der Suche nach Zugehörigkeit. Literatur aus Südtirol im Ausland," 89.
[15] Karin Dalla Torre, Leiterin des Südtiroler Dokumentationszentrums, macht eine ähnliche Beobachtung: "Die Kontaktsprachen haben für die Autorinnen und Autoren, die heute in Südtirol schreiben, eine neue Bedeutung. Mehrsprachigkeit, sprachliche Innovation und Schaffung literarischer Sprachwelten werden als kreatives Potential genutzt, dessen Ergebnis nicht Zerrissenheit und Sprachverlust sind, sondern ein neues sprachliches und literarisches Selbstbewusstsein" (Dalla Torre, Kulturelemente Online).
Bibliografie Alcock, Antony. "South Tyrol." Minority Rights in Europe. Prospects for a Transnational Regime. Ed. Hugh Miall. New York: Council on
ASTAT Info. "Volkszählung 2001 – Autonome Provinz Bozen-Südtirol." ASTAT Informationen 17. Ed. Autonome Provinz Bozen-Südtirol
Aus der neuen Welt. Erzählungen von jungen AutorInnen aus Südtirol. Ed. Sepp Mall. Innsbruck: Skarabaeus, 2003.
Bernhart, Toni. Lasamarmo und andere Stücke. Innsbruck: Skarabaeus, 2002.
Brunner, Maria Elisabeth. Berge, Meere, Menschen. Roman. Wien/Bozen: Folio, 2004.
Dalla Torre, Karin. "Codeswitching und literarische Kreativität. Neue Aspekte der Literatur in und aus Südtirol." Kulturelemente Nr.
Elzenbaum, Margit von. Dorf mit Bühnen. Experimentelle Texte. Bozen: Edition Raetia, 2004.
Feiler, Michael. "South Tyrol - Model for the Resolution of Minority Conflicts?" Review of International Affairs. Vol XLVIII No. 1053/1054
Flöss, Helene. Schnittbögen. Roman. Innsbruck: Haymon-Verlag, 2000.
---. Löwen im Holz. Roman. Innsbruck: Haymon-Verlag, 2003.
Grüning, Hans-Georg. Die zeitgenössische Literatur Südtirols. Probleme, Profile, Texte. Ancona: Edizioni Nuove Ricerche, 1992.
Holzner, Johann. "Literatur in Tirol (von 1900 bis zur Gegenwart)." Handbuch zur neueren Geschichte Tirols. Vol. 2. Ed. Anton Pelinka
---. "Auf der Suche nach Zugehörigkeit. Literatur aus Südtirol im Ausland." Holzner 1997, 77-95.
Holzner, Johann, Ed. Literatur in Südtirol. Innsbruck: StudienVerlag, 1997.
Kofler, Gerhard. "Südtiroler Literatur – Möglichkeiten und Probleme." Holzner 1997, 96-98.
Kofler, Gerhard. Interview. "Der Blick, den man überallhin mitnimmt." Neue Zürcher Zeitung 18. 8. 2001 <http://www.nzz.ch/index.html>.
---. Poesie di mare, terra e cielo / Poesie von Meer, Erde und Himmel. [Italienisch-Deutsch]. Klagenfurt: Wieser Verlag/BUGRIM, 2003.
---. Soliloquio d´autunno / Selbstgespräch im Herbst. Gedichte [Italienisch-Deutsch]. Innsbruck: Haymon-Verlag, 2005.
Kopf oder Adler. Andere Erzählungen aus Tirol. Ed. Johann Holzner. Innsbruck: Haymon-Verlag, 1991.
Leteratura Literatur Letteratur. Texte aus Südtirol. Ed. Rut Bernardi, Elmar Locher, Sepp Mall. Edition Sturzflüge, 1999.
Norbert C. Kaser: Prosa. Gesammelte Werke 2. Ed. Benedikt Sauer und Erika Wimmer-Webhofer. Innsbruck: Haymon-Verlag, 1988.
Mair, Meinhard. Der Fluch der Generationen. Roman. Teil 1 der großen Südtirol-Trilogie. Vahrn: Suedmedia, 2004.
Mall, Sepp. Wundränder. Roman. Innsbruck: Haymon-Verlag, 2004.
Matt von, Beatrice. "Es gibt ein Leben nach dem Schlachtfest." Neue Zürcher Zeitung 18. 8. 2001, Internationale Ausgabe Nr. 190: 49-
Mecklenburg, Norbert. Erzählte Provinz. Regionalismus und Moderne im Roman. Königstein/Ts.: Athenäum, 1982.
---. Die grünen Inseln. Zur Kritik des literarischen Heimatkomplexes. München: iudicium Verlag, 1986.
Oberhollenzer, Josef. in der tasse gegenüber. gedichte & geschichten + kassette mit lesung und vertonungen. Bozen: edition sturzflüge,
Olt, Reinhard. "Modellfall Südtirol." Frankfurter Allgemeine Zeitung 24. Juni 2002: 12.
Pallaver, Günther. "Südtirols Konkordanzdemokratie: Ethnische Konfliktregelung zwischen juristischem Korsett und
Riedmann, Gerhard. "Literatur eines Grenzlandes im Übergang. Überlegungen zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur in
stadtstiche – dorfskizzen. Ed. Brigitte Messner. Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus, 2005.
Steininger, Rolf. Südtirol im 20. Jahrhundert. Vom Leben und Überleben einer Minderheit. I nnsbruck: StudienVerlag, 1997.
Wildner, Siegrun. "Ethnizität und Identität in deutschsprachiger Literatur aus und über Südtirol." Trans. Internet-Zeitschrift für
Wildner, Siegrun, Ed. (W)orte. Zeitgenössische Literatur aus und über Südtirol / Words in Place. Contemporary Literature by German-
Zeitenwende. Südtiroler Autoren/-innen schreiben zur Zeitenwende 1999/2000. Bruneck, Eigenverlag, 1999.
Zoderer, Joseph. Interview. "Von der Ambivalenz einer Sehnsucht." Literaturhaus am Inn 7. 3. 2002 Zoderer, Joseph. Der Schmerz der Gewöhnung. Roman. München: Hanser, 2002.
---. Wir gingen / Ce n'andammo. Erzählung / Racconto. Bozen: Edition Raetia, 2004.
Siegrun Wildner, Ph.D., is an Associate Professor of German Literature at the University of Northern Iowa. Her research field of interest and publications are in twentieth century and contemporary German and Austrian literature. Web Editing and Design Jorge W. Suazo © 2007 The Coastal Review http://class.georgiasouthern.edu/fl/thecoastalreview Updated 03/28/07 |